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1 - Multifunktionale Landwirtschaft

Multifunktionale Landwirtschaft

Multifunktionalität: Der Nutzen von Landwirtschaft ist vielfältig

Landwirtschaft erzeugt Lebensmittel und nachwachsende Rohstoffe. In Deutschland ist ihre Bedeutung als Wirtschaftsbranche jedoch gering. Nicht mehr als 1,4 Prozent aller Erwerbstätigen arbeiten in der Landwirtschaft und der Anteil an der gesamten Wertschöpfung der deutschen Wirtschaft beträgt nur 0,6 Prozent.[i]

Das sogenannte Agrobusiness – dazu gehören die der Landwirtschaft vor- und nachgelagerten Bereiche wie Saatgutzüchtung, Landmaschinenherstellung oder Lebensmittelverarbeitung – beschäftigt hingegen elf Prozent aller Erwerbstätigen. Es ist nach der Automobilindustrie und dem Maschinenbau das drittgrößte verarbeitende Gewerbe in Deutschland.

Weltweit ist die Landwirtschaft selbst ohne Agrobusiness der wichtigste Beschäftigungszweig. Sie ist die wirtschaftliche Existenzgrundlage von mehr als einem Drittel der Menschheit.


[i]                 Deutscher Bauernverband (2017): Situationsbericht 2017/18. Trends und Fakten zur Landwirtschaft. Kapitel Agrarstruktur
www.bauernverband.de/situationsbericht-2017-18 (29.3.2019)

Dabei ist nicht nur die Zahl der Arbeitsplätze von Bedeutung. Von Umfang und Art der Landwirtschaft hängen oft auch der Zusammenhalt in ländlichen Gemeinden, der Grad der regionalen Selbstversorgung oder die Widerstandskraft gegen Krisen und Katastrophen ab. Nicht zuletzt „produziert“ Landwirtschaft für viele Menschen Heimat. Dazu gehören Vielfalt, Schönheit und Eigenheiten von Kulturlandschaften, aber auch Geschmack von Lebensmitteln oder ländliche Traditionen.

Ihre besondere Bedeutung bekommt die Landwirtschaft dadurch, dass sie anders als alle anderen produktiven Gewerbe unmittelbar in und mit der Natur arbeitet. Ein Drittel der gesamten Landfläche unseres Planeten wird landwirtschaftlich genutzt. Die Art und Weise, wie Landwirtschaft betrieben wird, ist daher für die verschiedenen Ökosysteme dieser Welt von großer Bedeutung. Im Jahr 2009 veröffentlichte eine Gruppe von 29 bedeutenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in der Zeitschrift nature einen wegweisenden Artikel: „A safe operating space for humanity“. Sie versuchten für neun verschiedene Stoffkreisläufe die Grenzen der Belastung des „Systems Erde“ zu definieren. Jenseits dieser Grenzen drohen abrupte, globale Umweltveränderungen. Darüber, wie viel das System Erde „wegstecken“ kann, bevor es kippt, lasse sich trefflich streiten, meinen die Wissen­schaft­ler. Fest stehe, dass wir in mehreren Bereichen bereits deutlich jenseits des sicheren Betriebsbereiches operieren:[i] Dramatisch ist die Situation sowohl bei der Stickstoff- als auch bei der Phosphor­belastung und insbesondere bei der Artenvielfalt. Auch beim Klima und bei der Landnutzungsänderung (beispielsweise Abholzung von Wäldern oder Umwandlung von Grünland in Ackerland) liegt der „sichere Handlungsraum“ bereits hinter uns.[ii] „Um weiterhin sicher leben zu können, muss der Mensch innerhalb bestimmter kritischer und fester Grenzen der Umwelt agieren und die Natur der klimatischen, geophysikalischen, atmosphärischen und ökologischen Prozesse im Erdsystem respektieren“, sagte der Hauptautor der Studie Johan Rockström bei der ersten Veröffentlichung 2009.[iii] Diese Grenzen werden nach und nach in vielen Bereichen überschritten.


[i]                 Zukunftsstiftung Landwirtschaft (2013): Wege aus der Hungerkrise. Die Erkenntnisse und Folgen des Weltagrarberichts: Vorschläge für eine Landwirtschaft von morgen. Berlin
www.weltagrarbericht.de (29.3.2019)

[ii]                www.stockholmresilience.org/research/planetary-boundaries/planetary-boundaries/about-the-research/the-nine-planetary-boundaries.html (29.3.2019)
Kurzfassung auf Deutsch beim Umweltministerium:
www.bmu.de/themen/nachhaltigkeit-internationales/nachhaltige-entwicklung/integriertes-umweltprogramm-2030/planetare-belastbarkeitsgrenzen/ (29.3.2019)

[iii]               www.pik-potsdam.de/aktuelles/pressemitteilungen/archiv/2009/planetarische-grenzen-ein-sicherer-handlungsraum-fuer-die-menschheit (29.3.2019)

Landwirtschaft hat also eine besondere soziale, ökonomische und ökologische Bedeutung. Der „multifunktionelle Ansatz“ bedeutet, dass Landwirtschaft nicht nur als Produzent von Lebensmitteln und nachwachsenden Rohstoffen gesehen wird, sondern auch in ihrer Bedeutung als Lebensgrundlage und Einkommensquelle von Bauern und als Quelle von weiteren Dienstleistungen für die Gesellschaft wie etwa die Erhaltung von Ökosystemen.

Diese „Multifunktionalität der Landwirtschaft“ wurde aber erst deutlich, als Fehlentwicklungen immer offensichtlicher wurden. Die Landwirtschaft nur als Wirtschaftsbereich zu betrachten führte zu Kollateralschäden im sozialen wie ökologischen Bereich. Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, aber auch Konsumenten und Landwirte selbst haben in den vergangenen Jahrzehnten zu häufig auf kurzfristige Produktionssteigerung, Preise und Wirtschaftlichkeit von Lebensmitteln und nachwachsenden Rohstoffen geschaut. Doch viele der überlebenswichtigen Dienstleistungen und Güter, die die Landwirtschaft jenseits der Erzeugung von Rohstoffen erbringt und erhält – oder aber vernachlässigt und zerstört –, sind von hohem Wert für die menschliche Gemeinschaft, vom Dorf bis zur Weltgemeinde.[1]

Eine Zeit lang ging man davon aus, dass auf dieser Erde genug Platz ist, um verschiedene Ziele unabhängig voneinander zu erreichen: Lebensmittel zu erzeugen, Biodiversität zu erhalten, Umwelt zu schützen, den ländlichen Raum wirtschaftlich zu stärken. Aber gerade im dicht besiedelten Europa ist inzwischen deutlich geworden, dass es notwendig ist, ökologische, soziale und wirtschaftliche Funktionen gleichzeitig zu erfüllen. Denn die vorhandene Fläche ist so begrenzt, dass die verschiedenen Ziele auf dieser knappen Fläche gleichzeitig erreicht werden müssen. Außerdem hängen Produktion und Ressourcenschutz viel zu eng miteinander zusammen, als dass man sie unabhängig voneinander angehen könnte.

In der Europäischen Union ist Multifunktionalität daher zu einem zentralen Bestandteil des „Europäischen Agrarmodells“ geworden. Die Multifunktionalität zu erhalten, ist eines der wesentlichen Argumente für die enormen öffentlichen Mittel, die in die Landwirtschaft fließen. Kritiker bemängeln jedoch, dass die Europäische Union die Multifunktionalität zwar formal anerkennt, ihre Politik aber weit davon entfernt ist, die notwendigen Maßnahmen in einem ausreichenden Umfang zu ergreifen: Dazu gehört beispielsweise die Steuerung von Märkten („faire Handelsabkommen“) oder die Honorierung von besonderen Leistungen im Umwelt- und Tierschutz mit staatlichen Mitteln, die auf den normalen Märkten für Agrarprodukte nicht bezahlt werden („public money for public goods“).


[1]                Zukunftsstiftung Landwirtschaft (2013): Wege aus der Hungerkrise. Die Erkenntnisse und Folgen des Weltagrarberichts: Vorschläge für eine Landwirtschaft von morgen. Berlin www.weltagrarbericht.de (29.3.2019)

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