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17 - Immer weniger landwirtschaftlich nutzbare Flächen

17 - Immer weniger landwirtschaftlich nutzbare Flächen

Immer weniger landwirtschaftlich nutzbare Flächen

Der Boden ist im wahrsten Sinne des Wortes die Grundlage für die Landwirtschaft: Ohne Boden keine landwirtschaftliche Produktion. Die enorme Bedeutung des Bodens für unsere Ernährung lässt sich an der Nutzung der Flächen erkennen. Die Landwirtschaft hat in Deutschland zwar nur einen Anteil an der gesamten Wirtschaftskraft (gemessen als Bruttosozialprodukt) von unter einem Prozent. Sie bewirtschaftet aber die Hälfte der Landfläche (50,9 Prozent). Weitere wichtige Nutzungen sind Wald (29,7 Prozent) Siedlung, Industrie, und Erholungsflächen (zusammen 9,2 Prozent) sowie Verkehrsflächen (5 Prozent).[i]


[i]                 Statistisches Bundesamt
www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/Wirtschaftsbereiche/LandForstwirtschaftFischerei/ Flaechennutzung/Tabel len/Bodenflaeche_Insgesamt.html (14.3.2019)

Die landwirtschaftlich genutzte Fläche nimmt jedoch zugunsten von Siedlungs-, Gewerbe- und Verkehrsflächen, aber auch zugunsten von Wald kontinuierlich ab. So wurden Ende der 1990er Jahre täglich über 120 Hektar „verbraucht“. Das entspricht etwa 170 Fußballfeldern. Auch heute sind es rund 60 Hektar (etwa 85 Fußballfelder) pro Tag.[i]

Der rückläufige Trend bei der Flächeninanspruchnahme hat verschiedene Ursachen. Bei Gewerbeflächen gab es nach der Bankenkrise und der damit verbundenen schlechten Wirt­schaftslage lange Zeit nur sehr begrenztes Wachstum. Ein anderer Grund ist die demografische Entwicklung. In manchen Regionen sinkt die Bevölkerung. Aber auch ein wachsendes Bewusstsein für die Probleme des „Flächenverbrauchs“ führt inzwischen mancherorts dazu, zunächst innerstädtische Flächen zu nutzen, bevor auf der „grünen Wiese“ weiter gebaut wird.

Der Verbrauch für Siedlungsflächen ist darüber hinaus davon abhängig, wie viele Quadratmeter jeder Mensch durchschnittlich zum Wohnen braucht. Und dieser Wert steigt leider immer noch kontinuierlich leicht an. Die Wohnfläche pro Kopf nahm in Deutschland zwischen 2011 und 2017 von 46,1 auf 46,5 Quadratmeter zu – trotz Zuwanderung, die nur vorübergehend in den Jahren 2015 und 2016 zu einem kleinen Rückgang der Pro-Kopf-Wohnfläche führte. Ein Grund dafür ist der Trend zu Haushalten mit weniger Personen.  Im Jahr 2014 (neuere Daten liegen nicht vor) lag die Wohnfläche pro Kopf in Ein-Personen­haushalten mit 66,7 Quadratmetern um mehr als ein Drittel höher als die Wohnfläche pro Kopf in Zwei-Personenhaushalten mit 48,0 Quadratmetern. Die Mitglieder von Haushalten mit drei oder mehr Personen beanspruchten sogar nur eine durchschnittliche Fläche von 30,7 Quadratmetern. Ein wichtiger Grund für die geringere Wohnflächenbeanspruchung pro Person in Mehr-Personenhaushalten ist die gemeinsame Nutzung von Küche, Bad und Flur.[ii]

Das vor vielen Jahren gesteckte Ziel der Bundesregierung, bis 2020 den täglichen Flächenverbrauch auf 30 Hektar zu senken, wird nicht erreicht werden. Das Ganze ist pragmatisch auf das Jahr 2030 verschoben worden. Völlig außer Sichtweite ist die Vision gekommen, langfristig die Neuinanspruchnahme von Flächen sogar auf null zu bringen – zumindest in der Gesamtbilanz. Das würde heißen, dass für jede neu besiedelte Stelle an anderer Stelle zurückgebaut werden muss. Die ursprüngliche Fruchtbarkeit des Bodens lässt sich dabei allerdings in der Regel nicht wieder herstellen.[iii]


[i]                 Umweltbundesamt: Siedlungs- und Verkehrsfläche
www.umweltbundesamt.de/daten/flaeche-boden-land-oekosysteme/flaeche/siedlungs-verkehrsflaeche (14.3.2019)

[ii]                Umweltbundesamt: www.umweltbundesamt.de/daten/private-haushalte-konsum/wohnen/wohnflaeche

[iii]               Umweltbundesamt (2008): Schutz der biologischen Vielfalt und Schonung von Ressourcen - Warum wir mit Flächen intelligenter umgehen müssen. Dessau-Roßlau.

Siedlungs-, Gewerbe- und Verkehrsflächen sind nicht vollständig versiegelt, denn Gärten, Grünstreifen oder Böschungen der jeweiligen Grundstücke gehören auch dazu. Die Folgen der zunehmenden Flächeninanspruchnahme sind trotzdem gravierend: Straßen durchschneiden die Landschaft und gefährden und zerstören wertvolle Biotope. Nicht selten werden neue Siedlungs- und Gewerbeflächen auf fruchtbaren landwirtschaftlichen Böden ausgewiesen. Derartige Eingriffe sind aber tendenziell unumkehrbar: Die natürlichen Funktionen eines einmal überbauten Bodens gehen über Generationen verloren. 10 Zentimeter Boden entstehen in 1.000 bis 2.000 Jahren![i] Ackerböden haben aber meist 30 bis 40 Zentimeter fruchtbaren Boden!


[i]                 Umweltbundesamt (2014): Notwendige Schritte auf dem Weg zum Schutz fruchtbarer Böden und zur Reduzierung des Flächenverbrauchs. Ergebnisse der KBU-Veranstaltung „Wie viel Boden brauchen wir?“ am 6. Dezember 2013. S.4
https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/378/publikationen/kbu_12_schritte_april_2014.pdf (26.2.2019)

Weltweit sinkt die Ackerfläche pro Kopf drastisch. 1970 standen pro Kopf der Weltbevölkerung im Durchschnitt 3800 Quadratmeter zur Verfügung. 2013 waren es nur noch 2100 Quadratmeter.[i] Die Ursachen dieses dramatischen Rückgangs liegen zwar mehr im kontinuierlichen Anstieg der Weltbevölkerung als beim Flächenverbrauch. Aber dennoch: wir müssen mit den vorhandenen Flächen besonders sorgsam umgehen.

Umso problematischer, dass zur Ernährung der Bevölkerung in Deutschland mehr Ackerfläche benötigt wird, als im eigenen Land zur Verfügung steht. Laut Umweltbundesamt benötigt der Konsum Deutschlands 22 Millionen Hektar Ackerland. Wir haben in Deutschland aber nur zwölf Millionen Hektar.[ii] Fast die Hälfte des benötigten Ackerlands wird für Futtermittel benötigt, die zur Herstellung tierischer Nahrungsmittel erforderlich sind. Ein geringerer Fleischkonsum würde also auch helfen. Dennoch: es ist dringend notwendig die vorhandenen Äcker und Wiesen zu schützen


[i]                 FAO, zitiert in: Deutscher Bauernverband (Hrsg.) (2015): Situationsbericht Boden. Moderne Landwirtschaft – gesunde Böden.
www.bauernverband.de/nachhaltige-landwirtschaft-schafft-und-erhaelt-fruchtbare-boeden (14.3.2019)

[ii]                www.umweltbundesamt.de/themen/land-fussabdruck-wieviel-landflaeche-benoetigt (14.3.2019)

Besonders gravierend wirkt der Flächenverbrauch in Kombination mit einer Versiegelung der Böden. Regenwasser kann dann nicht mehr durch den filternden Boden zum Grundwasser absickern, sondern fließt schnell und oberirdisch ab. Dadurch nimmt einerseits die Hochwassergefahr zu, andererseits bildet sich weniger neues Grundwasser. Außerdem verändert die Versiegelung das Mikroklima. Weil keine Feuchtigkeit mehr langsam und kontinuierlich aus dem Boden verdunstet, erwärmen sich versiegelte Flächen stärker. Dadurch sinkt auch die Luftfeuchtigkeit und es verschlechtert sich die Luftqualität. Außerdem kann die fehlende Vegetation weder Schadstoffe binden noch Sauerstoff produzieren.[i]


[i]                 Basedow, H.-W., Bolze, I., Gunreben, M., Jacob, P., Sbresny, J., Schrage, T., et al. (2009): Flächenverbrauch und Bodenversiegelung in Niedersachsen. Hannover: Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie.

                  Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik NRW (2008): Umweltökonomische Gesamtrechnungen der Länder - Fläche und Raum. Arbeitsgruppe Umweltökonomische Gesamtrechnungen der Länder. Düsseldorf: Statistische Ämter der Länder.

Auch für die Bauern ist der Flächenverbrauch von Bedeutung. Einige von ihnen können zwar finanziell davon profitieren, wenn sie Land verkaufen. Aber dieser Vorteil trifft für immer weniger Landwirte zu. Bei größeren Betrieben liegt der Pachtanteil oft bei 70 Prozent und mehr. Daher profitieren eher die Verpächter als die Landwirte von der finanziellen Wertsteigerung bei der Umwandlung von Äckern und Wiesen in Siedlungs-, Gewerbe- und Verkehrsflächen. Den Landwirten gehen vor allem dringend benötigte Flächen verloren.

Die Zunahme an Siedlungsgebieten und Straßen verringert aber nicht nur den zur Verfügung stehenden Boden. Sie hat auch Auswirkungen auf die Entwicklungsmöglichkeiten der Höfe an den Stadt- und Dorfrändern. So hatten sie früher meist ungehinderten und direkten Zugang zu Äckern und Wiesen. Wo das nicht der Fall war, war es zumindest selbstverständlich, dass Kühe durchs Dorf auf die Weide getrieben wurden. Wenn Siedlungsgebiete wachsen, werden die Höfe vom direkten Zugang zu Feldwegen abgeschnitten und müssen öffentliche Straßen benutzen. Das führt nicht selten zu Konflikten. Denn landwirtschaftliche Maschinen werden immer größer und sind schwer über schmale Straßen an parkenden Autos vorbei zu manövrieren. Zu Spannungen tragen auch die Arbeitsgeräte der Bauern bei – sei es der Miststreuer oder der Trecker, der vom Acker kommt – weil sie manchmal stinken oder Dreck hinterlassen. Noch schwieriger wird es bei der baulichen Weiterentwicklung. Landwirte erleben regelmäßig den Widerstand der nicht-landwirtschaftlichen Bevölkerung, wenn sie einen Stall erweitern oder neu bauen wollen. Solche Widerstände beziehen sich nicht allein auf die ungeliebte Massentierhaltung. Selbst Biobauern kennen die Skepsis gegen Stallneubauten zur Genüge.

Wenn in Deutschland Häuser oder Straßen gebaut werden, muss dieser unökologische „Eingriff“ in die Natur laut Naturschutzgesetz „ausgeglichen“ werden. Dieser Ausgleich bezieht sich allerdings weniger auf die Bodenfruchtbarkeit, sondern vor allem auf die Biodiversität. Dadurch werden Konflikte zwischen Landwirtschaft und Naturschutz zusätzlich geschürt. Denn um die Biodiversität ansatzweise „auszugleichen“, werden in Deutschland oftmals Hecken oder Streuobstwiesen angelegt, landwirtschaftliche Nutzflächen aufgeforstet und Gewässer renaturiert. Für die Biodiversität ist das sinnvoll; für die produktive Nutzung von Ackerböden jedoch weniger. Und die Landwirte verlieren nicht nur Flächen durch den Flächenverbrauch, sondern auch durch die Umnutzung in naturnahe Biotope. Inzwischen gibt es vorsichtige Ansätze, auch das Wirtschaften in Form des Ökologischen Landbaus als Ausgleich anzuerkennen.

Grundsätzlich muss es aber dazu kommen, dass wertvolle fruchtbare Ackerböden nicht weiter in Siedlungs-, Gewerbe- oder Verkehrsflächen umgewandelt werden.

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