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9 - Hunger durch zu hohen Fleischkonsum

9 - Hunger durch zu hohen Fleischkonsum

Hunger durch zu hohen Fleischkonsum

Die Steigerung der Produktivität in der Landwirtschaft hat es möglich gemacht: Weltweit werden genug Lebensmittel erzeugt. Alle Menschen auf dieser Welt könnten satt werden. Die Getreideproduktion ist trotz des Bevölkerungswachstums von 1961 bis 2018 von 281 auf 349 Kilogramm pro Kopf gestiegen (siehe auch Grafik und Text 15).[i]

Trotzdem leiden 821 Millionen Menschen weltweit an schwerem Hunger. Damit ist 2018 die Zahl der chronisch hungernden Menschen das dritte Jahr in Folge angestiegen, obwohl sich die weltweiten Ernten und Nahrungsvorräte deutlich erhöhten. Hunger ist aber nur in Ausnahmefällen ein Mengenproblem; beispielsweise bei Naturkatastrophen. Die zentrale Ursache für diesen Anstieg  ist die wachsende Schere zwischen arm und reich. Denn in der Regel hungern Menschen, weil sie arm sind und nicht, weil es nichts zu kaufen gibt.[ii]

Und dennoch bleibt das Thema „Menge“ aktuell: Die auf Äckern und Wiesen erzeugte Nahrungsmittelenergie wird nicht optimal genutzt.


[i]                 Food and Agriculture Organization of the United Nations (2019): Food Outlook, Biannual Report on Global Food Markets
www.fao.org/3/ca4526en/ca4526en.pdf (1.8.2019)

                  United Nations (2019): World Population Prospects 2019. Highlights
population.un.org/wpp/Publications/ (1.8.2019)

[ii]                FIAN (2019): Recht auf Nahrung von zwei Milliarden Menschen verletzt. Pressemeldung vom 16. Juli 2019
www.fian.de/artikelansicht/2019-07-16-pressemitteilung-recht-auf-nahrung-von-zwei-milliarden-menschen-verletzt/ (1.8.2019)

                  Food and Agriculture Organization of the United Nations (2019): The State of Food Security and Nutrition in the World 2019
www.fao.org/publications/sofi/en/ (1.8.2019)

Lebensmittel können aus Nutzpflanzen hergestellt werden: aus Getreide, Gemüse, Obst, Zuckerüben, Kartoffeln und anderen. Oder sie sind tierischen Ursprungs wie Fleisch und Wurstwaren, Milch und Milchprodukte oder Eier. Wenn pflanzliche Produkte als Futtermittel verfüttert und damit in tierische Produkte umgewandelt werden, nennt man dies „Veredelung“; das ist ein Hinweis darauf, dass Fleisch etwas Wertvolles ist. Die Umwandlung von Futtermitteln in tierische Produkte ist jedoch mit einem Energieverlust verbunden. Um eine tierische Kalorie zu erzeugen, müssen je nach Tierart und Produkt (Fleisch, Milch, Eier) drei bis sieben pflanzliche Kalorien verfüttert werden. Die Umwandlungsrate von pflanzlichen in tierische Kalorien schwankt im Idealfall zwischen 2:1 bei Geflügel, 3:1 bei Schweinen, Zuchtfischen, Milch und Eiern und 7:1 bei Rindern.[i]

Allerdings fressen Rinder und Schafe von Haus aus Gras. Mehr als zwei Drittel der weltweiten Agrarfläche ist Weideland. Wo Tiere Gras und Pflanzen fressen, die sich zur direkten menschlichen Ernährung nicht eignen, sind sie keine Nahrungsmittelkonkurrenz, sondern erhöhen das Lebensmittelangebot und leisten wichtige Beiträge zur Produktion: Sie liefern Dünger, tragen zur Bodenbearbeitung bei, arbeiten als Zug- und Transporttiere, verwerten Abfall und steigern die Ertrags- und Ernährungssicherheit der Besitzer.[ii] Solange Lebensmittel knapp waren – und das waren sie in der Menschheitsgeschichte meis­tens – wurden Tiere wie Schweine und Hühner, die heute vorwiegend mit „Kraftfutter“ gefüttert werden, vor allem mit Abfällen und Nebenprodukten gefüttert, die bei der Verarbeitung von Lebensmitteln anfallen; also mit Futtermitteln, die für Menschen nicht verwertbar sind.[1] So bestand kaum Nahrungskonkurrenz zwischen Nutztieren und Menschen. Im Gegenteil, die Tiere verwandelten für Menschen nicht nutzbare Biomasse in Lebensmittel. In Entwicklungsländern ist diese Form der Tierernährung bei kleinbäuerlichen Betrieben zwar rückläufig, aber immer noch vorherrschend. Auch bei uns gibt es eine Grünlandwirtschaft. Aber mit Ausnahme der extensiven Mutterkuh- und Schafhaltung wird das sog. „Grundfutter“ von Wiesen und Weiden auch bei Wiederkäuern durch „Kraftfutter“ ergänzt; meist Getreide sowie eiweißreiche Futtermittel wie Soja oder Rapsextraktionsschrot.

Aber der kalorienverschwendende Fleischkonsum nimmt weltweit kontinuierlich zu. Die Welternährungsorganisation FAO stellt fest, dass die Fleischproduktion sich in den vergangenen 50 Jahren fast vervierfacht hat: Sie ist von 84 Millionen Tonnen im Jahre 1965 auf 330 Millionen im Jahr 2017 gestiegen.[iii]

Und schon seit geraumer Zeit basiert diese Steigerung auf der Verfütterung von Futtermitteln, die auch der menschlichen Ernährung hätten dienen können. In den reichen Ländern Europas und Nordamerikas stagniert der Fleischkonsum auf einem sehr hohen Niveau. In den sog. Schwellenländern steigt er sprunghaft an. Mehr als ein Drittel (36 Prozent) der weltweiten Getreideernte landet in Futtertrögen. Nur 42,5 Prozent werden direkt zu Lebensmitteln verarbeitet. In der Europäischen Union dienen sogar 62 Prozent der Getreideernte als Tierfutter und weniger als ein Viertel direkt zur menschlichen Ernährung. Der Rest – 21,5 Prozent weltweit und 14 Prozent in der Europäischen Union – wandert als Biomasse in die Energieerzeugung oder wird zu Industrieprodukten verarbeitet. In Afrika dagegen dienen immer noch 80 Prozent der Getreideproduktion der menschlichen Ernährung.[iv] Allerdings ist auch hier die Tendenz fallend, da zunehmend Land von Investoren aufgekauft wird, die vor allem Energiepflanzen und Futtermittel anbauen (siehe Grafik und Text 15).


[1]    Die Fütterung mit diesen Abfall- und Nebenprodukten ist auch heute noch üblich – allerdings nicht immer unproblema­tisch. Die Verfütterung der meisten Nebenprodukte ist sinnvoll: wie Kartoffelschalen oder Getreide, das zum Brotbacken nicht geeignet ist. Allerdings hat die Verfütterung von Tiermehl aus fehlerhaft aufbereiteten Schlachtabfällen zur Verbrei­tung von BSE und 2001 zu einem der größten Lebensmittelskandale Europas geführt.


[i]                 Weltagrarbericht. Wege aus der Hungerkrise.
www.weltagrarbericht.de/themen-des-weltagrarberichts/fleisch-und-futtermittel.html (1.8.2019)

[ii]                ebd.

[iii]               Weltagrarbericht. Wege aus der Hungerkrise (2018): FAO: Globale Fleischproduktion erreicht 2018 neuen Rekordwert.
www.weltagrarbericht.de/aktuelles/nachrichten/news/de/33467.html (1.8.2019)

[iv]               Food and Agriculture Organization of the United Nations (2019): Food Outlook, Biannual Report on Global Food Markets
www.fao.org/3/ca4526en/ca4526en.pdf (1.8.2019)

                  Heinrich-Böll-Stiftung, BUND, le Monde diplomatique (2014): Fleischatlas. Daten und Fakten über Tiere als Nahrungsmittel.
www.boell.de/de/2014/01/07/fleischatlas-2014 (1.8.2019)

Wäre Ackerboden im Überfluss vorhanden, wäre diese Form der Erzeugung von tierischen Lebensmitteln kein Problem. Aber guter Boden wird immer knapper und gleichzeitig steigt die Zahl der Menschen auf diesem Globus. Daher muss die Ernte von unseren Äckern effizient genutzt werden. Je mehr Fleisch wir essen, umso weniger Menschen können von der gleichen Fläche ernährt werden. Der zunehmende Fleischkonsum der Wohlhabenden steigert das Problem der Hungerleidenden. Baut man auf einem Hektar Ackerland Futtermittel für die Schweinemast an, kann dieses Land den Kalorienbedarf von zwei Menschen decken. Werden auf der gleichen Fläche Kartoffeln angebaut, kann der Kalorienbedarf von 17 Menschen gedeckt werden.[i]

Virtuelle Landnahme

Nutzt man die Fläche anderer Länder für die eigene Versorgung, nennt man das auch „virtu­elle Landnahme“.

Deutschland verfügt über eine landwirtschaftliche Nutzfläche von knapp 17 Millionen Hek­tar, von denen 14,7 Millionen Hektar für Ernährungszwecke genutzt werden. In Deutschland werden aber Lebensmittel gegessen, für die mehr als 20 Millionen Hektar benötigt werden: 8,5 Millionen für pflanzliche und 11,5 Millionen Hektar für tierische Lebensmittel. Die virtuelle Landnahme beträgt fast 7 Millionen Hektar. Fast ein Drittel unseres Lebensmittel- und Futtermittelbedarfs wächst außerhalb Deutschlands. Wollten wir uns auf unsere eigenen Flächen beschränken, müssten wir den Fleischverzehr halbieren.[ii]

Dabei verlieren in den Futtermittel exportierenden Ländern häufig Kleinbauern ihr Land an weltweit agierende Unternehmen. Die Sicherstellung der Ernährung der eigenen Bevölkerung ist für die exportorientierten Agrarkonzerne kein Thema. Vertreibungen, Landkonflikte und Gesundheitsgefahren bei den Arbeitern und bei denen, die in der Nähe der Plantagen wohnen, sind soziale Probleme, die mit der agrarindustriellen Form der Landwirtschaft einhergehen.[iii]

Auf 40 Prozent des von uns außerhalb der Europäischen Union beanspruchten Ackerlandes wird Soja für die Tierfütterung erzeugt. Soja wird überwiegend in Monokulturen angebaut und verursacht erhebliche Umweltschäden. Dazu zählen neben der Zerstörung von Regenwäldern und Savannen auch die Verschmutzung von Gewässern durch Düngemittel und Pestizide.[iv] Hinzu kommt die Verbreitung der Gentechnik, da der überwiegende Teil der angebauten Sojabohnen gentechnisch verändert ist.


[i]                 FAO (1983): La situation mondiale de l’alimentation et de l’agriculture 1982, Rom 1983, Tab. 1-23, p. 60; zitiert in Strahm, Rudolf (1990): Warum sie so arm sind. Peter Hammer Verlag.

[ii]                Statistisches Bundesamt (2013): Immer mehr Flächen im Ausland für Erzeugung deutscher Ernährungsgüter genutzt; Pressemitteilung vom 19. August 2013 – 272/13
zitiert u.a. in www.welt.de/wirtschaft/article119159181/Deutschland-ist-abhaengig-von-Agrarfeldern-im-Ausland.html (1.8.2019)

                  von Witzke, Stefan, Steffen Noleppa, Inga Zhirkova (2014): Fleisch frisst Land. WWF (Hrsg.)
www.wwf.de/fileadmin/fm-wwf/...PDF/WWF_Fleischkonsum_web.pdf (25.7.2019)

[iii]               Fritz, Thomas (2011): Brot oder Trog, Futtermittel, Flächenkonkurrenz und Ernährungssicherheit; Brot für die Welt, Berlin
thomas-fritz.org/studien/Brot-oder-Trog (1.8.2019)

[iv]               Köberich, Thomas (2012): Sojaboom in deutschen Ställen, WWF Deutschland, Berlin
www.wwf.de/themen-projekte/landwirtschaft/produkte-aus-der-landwirtschaft/soja/soja-wunderbohne-mit-riskanten-nebenwirkungen/ (1.8.2019)

Weltweit steigt die Fleischproduktion stetig an. Seit 1965 hat sie sich von damals 84 Millionen auf heute 335 Millionen Tonnen fast vervierfacht.[i]

Der jährliche Fleischverzehr pro Kopf lag in Deutschland 1950 noch unter 30 Kilogramm, stieg bis auf rund 66 Kilogramm im Jahre 1985 und stagniert seit den 1990er-Jahren bei rund 60 Kilogramm. 2017 lag er mit 59,7 Kilogramm Fleisch erstmals darunter. Dabei essen Männer im Durchschnitt 80 Kilogramm im Jahr und damit doppelt so viel wie Frauen. Gesundheitsexperten empfehlen, den Fleischverzehr auf 30 Kilogramm zu senken.[ii]

In Entwicklungs- und Schwellenländern nimmt der Fleischkonsum ständig zu. In Ent­wicklungsländern hat er sich von 1980 bis 2005 auf über 30 Kilogramm pro Person mehr als verdoppelt. In China und Südostasien hat sich der Verbrauch im gleichen Zeitraum sogar ver­vierfacht. Die Landwirtschafts- und Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) vermutet, dass die Schwellenländer im Jahr 2050 nur noch 46 Prozent ihres Kalorienbedarfs mit Getreide, aber 29 Prozent mit Fleisch, Eiern, Milch und Käse decken werden. Das würde bedeuten, dass die weltweite Fleischproduktion von heute 300 Millionen Tonnen auf 470 Millionen Tonnen anwachsen würde. Dafür müsste sich die Sojaproduktion von derzeit 260 Millionen Tonnen auf 515 Millionen Tonnen fast verdoppeln.[iii]

Um dem hohen Fleischkonsum entgegenzuwirken, der sowohl für die Umwelt als auch für die Gesundheit der Konsumenten schlecht ist, haben Verbände wie Greenpeace, BUND oder Misereor, inzwischen aber auch Wissenschaftler eine Fleischsteuer gefordert.[iv] Durch eine Preiserhöhung soll der Verbrauch reduziert werden.


[i]                 Weltagrarbericht. Wege aus der Hungerkrise (2018): FAO: Globale Fleischproduktion erreicht 2018 neuen Rekordwert.
www.weltagrarbericht.de/aktuelles/nachrichten/news/de/33467.html (1.8.2019)

[ii]                Noleppa, Steffen, von Witzke, Harald (2012): Tonnen für die Tonne, WWF Deutschland

                  fleischwirtschaft.de (2018): Fleischkonsum: Deutsche essen immer weniger. 25. März 2018.
www.fleischwirtschaft.de/wirtschaft/nachrichten/Fleischkonsum-Deutsche-essen-immer-weniger-36419 (1.8.2019)

[iii]               Heinrich-Böll-Stiftung, BUND, le Monde diplomatique (2014): Fleischatlas. Daten und Fakten über Tiere als Nahrungsmittel.
www.boell.de/de/2014/01/07/fleischatlas-2014 (1.8.2019)

[iv]               Bayerischer Rundfunk (2016): Studie aus Oxford. Warum eine Fleischsteuer sinnvoll wäre
www.br.de/puls/themen/welt/fleischsteuer-klimawandel-100.html (1.8.2019)

Allerdings hat der Verzehr in Deutschland nur begrenzte Auswirkungen auf die Produktion: In Deutschland wird 17 Prozent mehr Fleisch produziert als gegessen. Der Export von Fleisch – insbesondere von Schweinefleisch – ist für viele Handelsunternehmen ein lukratives Geschäft.[i]


[i]                 Weltagrarbericht. Wege aus der Hungerkrise (2018): FAO: Globale Fleischproduktion erreicht 2018 neuen Rekordwert.
www.weltagrarbericht.de/aktuelles/nachrichten/news/de/33467.html (1.8.2019)

Immer mehr Menschen sind konsequent und werden zu Vegetariern oder Veganern.

Wer aber Fleisch genießen will, kann dies auch in Zukunft tun. Denn die Devise heißt nicht „Verzicht!“, sondern „Klasse statt Masse!“: geringere Mengen, dafür aus artgerechter und ökologisch nachhaltiger Tierhaltung.

Es ist und bleibt sinnvoll auf den für Natur- und Klimaschutz so wichtigen Wiesen und Weiden Fleisch oder Milch zu erzeugen. Gras ist für den menschlichen Verzehr nicht geeig­net. Grünland ist aber als Kohlenstoffspeicher wichtig für den Klimaschutz und auch der Natur- und Landschaftsschutz braucht Weiden und gemähte Wiesen. Im Ökologischen Landbau spielen die Tiere eine besonders wichtige Rolle für Düngung und Betriebskreislauf.

Aber Nutztiere sollten nicht unnötig zum Nahrungskonkurrenten des Menschen werden. Dann wäre mehr als genug für alle da. Die wirtschaftlichen und agrarpolitischen Rah­menbedingungen führen jedoch dazu, dass es für den einzelnen landwirtschaftlichen Betrieb oft wirtschaftlicher ist, Milch mit Futter vom Acker zu erzeugen als von Wiesen und Weiden. So gibt es in den klassischen Milchregionen der grünlandreichen Mittelgebirge immer weni­ger Kühe, während es in manchen Ackerbauregionen sogar mehr werden.

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